Wie ein Schriftsteller Schottlands Identität zurück gab

Aktualisiert: Aug 9

Oder warum der beste Marketing Coup des 18. Jahrhunderts bis heute spürbar ist



Nach dem gescheiterten zweiten Jakobitenaufstand von 1746 ließen die englischen Besatzer keine Gelegenheit der Unterwerfung Schottlands aus. Aus Angst der Englischen Thron würde an die katholische Linie der Stuart zurück gehen, statuierte König Georg II. ein Exempel. Viele derer, die nicht auf dem schicksalhaften Schlachtfeld von Colloden gefallen waren, wurden später verfolgt, gefoltert oder getötet. Ein ganzes Land lag in Angst und Schrecken vor den englischen Soldaten.


England verstärkte seine Truppen, errichtete und befestigte Forts in den ganzen Highlands. Die Clanchiefs und deren Mitglieder, welche sich nicht ins Ausland retten konnten, wurden hingerichtet. Doch damit nicht genug, durch den Disarmig Act von 1746 entwaffnete man nicht nur ein ganzes Volk, sondern bestahl sie zugleich ihrer Identität. Das Tragen jeglicher Form von Waffen und der traditionellen Highland Bekleidung („restrainig the use of the highland dress“) war strengstens untersagt und fortan unter Strafe gestellt. Dies waren alles Maßnahmen, um ein weiteres Aufbäumen der freiheitsliebenden Schotten zu verhindern.


Interessant war vor allem der Dress Act, welcher nicht nur das tragen von Highland Kleidung untersagte, sondern auch jegliche Verwendung der Tartan Muster, Plaid, Kilt und Trewers (Hosen) vorsah. Wer gegen das Gesetz verstieß, drohten 6 Monate Haft. Bei einem weiteren Verstoß sogar 7 Jahre Arbeitslager in einer britischen Strafkolonie.


Erst 36 Jahre nach dem Erlass des Dress Act, wurde im Jahr 1782 das Gesetzt gekippt und das Tragen von traditioneller Highland Kleidung wieder erlaubt. Einige der Bräuche und Gepflogenheiten waren zu diesem Zeitpunkt bereits in Vergessenheit geraten.


Als sich im Jahr 1822 königlicher Besuch in der schottischen Hauptstadt Edinburgh ankündigte, ahnte niemand, welche Auswirkungen dieser bis heute haben würde.


Protagonist dieser Geschichte war der damals 51-jährige Sir Walter Scott, ein schottischer Dichter und Schriftsteller. Dieser hatte zusammen mit Colonel David Stewart of Garth die Celtic Society of Edinburgh gegründet.


David Stewart gilt heute als Begründer der „modernen Tradition“ des Tragens von Tartanmuster. Aus Unwissenheit, oder aber aus dem tiefen Glauben heraus (nobody knows), definierte Stewart die verschiedenfarbigen Tartanmuster neu und teilte sie kurzerhand den Clans und Distrikten der Highlands zu. Zur Krönung seiner Theorien (die übrigens niemals belegt werden konnten) veröffentlichte er sein Standardwerk „Skizzen der Charaktere, Bräuche und gegenwärtigen Umstände der Highlander Schottlands“.


Portrait of Walter Scott (1771 - 1832), National Galleries of Scotland


Das Buch erschien im selben Jahr, in dem König Georg IV. als erster König seit weit über einem Jahrhundert dem schottischen Edinburgh einen Besuch abgestattet hatte. Dieser Staatsbesuch wurde unter anderem vom Sir Walter Scott geplant und vorbereitet. Scotts Vision sah vor, die Clans vollständig in den von Stewart definierten Tartans auflaufen zu sehen. So erhielt jeder Clan sein eigenes Karo-Muster welches zum Empfang getragen wurde. Selbst König Georg IV. trug einen Kilt im ihm zugewiesenes Stuart Tartan.


Obwohl der ganze Staatsbesuch die Inszenierung eines Schriftstellers war, hielten die Schotten an der Idee der Zuordnung von Clans und Tartan fest. Der Aufstand gegen England war vorüber, aber das Sehnen der Schotten nach einer eigenen Kultur und das Wiederaufleben alter Bräuche hatte damit erst begonnen. Bis heute ist vielen nicht bewusst, dass die Zuordnung eine Erfindung fantasievoller Schotten gewesen war.


Dennoch hat Sir Walter Scott mit dem königlichen Besuch dem schottischen Volk seine Identität zurück geben. Danke dafür!







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